Heinz Schmitz
Über den Umgang mit Menschen. Szenen aus
Homers Odyssee
Wer die Griechen liebt, wird immer wieder gern zu
Odysseus zurückkehren, kann doch diese Gestalt wie kaum eine
andere als Praefiguration des Griechentums verstanden werden -
wendig, doch stets sich selber treu, von einem kargen Lande stammend
und immer wieder aufs Meer verwiesen, sodaß in einer
Prophezeiung eigens gesagt werden muss, er werde dereinst ausserhalb
des Meeres seinen Tod finden. Darüber hinaus hat man ihn, bis
hin zu Joyce und - nicht zu vergessen! - Kazantzakis, immer auch als
eine Art Urbild des Menschen gesehen. Odysseus verdankt
hauptsächlich seiner Intelligenz, dass er das ist, was er ist -
einer Intelligenz, die in ihrer Neugier auch gefährlich ist,
deren Brillanz auch manchmal fast in ein "L'art pour l'art"
abzugleiten droht.
Odysseus teilt freilich mit "Ulysses" das
Schicksal, dass der Zugang zu ihm verstellt ist durch ein Gebirge von
gelehrten Publikationen. Dem gegenüber möchten die
folgenden Ausführungen einzig und allein zeigen, dass diese
Lektüre unmittelbar ansprechend sein kann. Auch soll jene Aura
von Feierlichkeit, mit der man noch heute gern bedeutende Dichtung
umgibt, möglichst vermieden werden..
Von welcher Seite findet man am leichtesten den
Zugang zu einer Welt, die immerhin mehr als zweieinhalb Jahrtausende
alt ist? Der Zugang ist wohl dort am einfachsten, wo diese Welt am
unmittelbarsten als "abgespiegelte Wahrheit einer uralten Gegenwart",
wie Goethe sich einmal ausdrückte (Dichtung und Wahrheit, III,
12), in Erscheinung tritt. Dieses Uralt-Gegenwärtige ist der
Mensch, und er zeigt seine Eigenart vor allem darin, wie er mit
anderen Menschen umgeht. Die Menschen der Odyssee zeigen dabei
manchmal eine solche Feinheit und Klugheit, dass man dieses Gedicht
auch als Lehrgedicht "Über den Umgang mit Menschen" sehen kann,
wobei wie beim Bestseller des Freiherrn von Knigge nicht ein
Regelwerk, sondern psychologische Einfühlung und
Geschicklichkeit im Vordergrund steht.
Die Idee, Homers Odyssee als Lehrgedicht
anzusehen, ist natürlich in keiner Weise neu. Schon der etwa 580
vor Christus geborene Xenophanes bemerkt, von Anfang an hätten
alle von Homer gelernt (fr. 10 D.-K.), und die überragende
Stellung der homerischen Epen im griechischen Elementarunterricht
wird ja auch durch Platons heftige Kritik im "Staat" deutlich. Dabei
mag es manchmal so vordergründig zugegangen sein wie im 1751
erschienenen "Versuch einer critischen Dichtkunst" des
Aufklärers Gottsched, nach dem die Odyssee lehrt, "die
Abwesenheit eines Herrn aus seinem Hause oder Reiche sey sehr
schädlich" (160). Daneben ist aber - wenn man überhaupt
annehmen will, dass die Schule auf das spätere Leben einen
Einfluss hat - die prägende Wirkung dieser Gestalten auf die
kleinen Griechlein sicher beträchtlich gewesen. Indem sie
Gesänge Homers auswendiglernten, lernten sie Vieles durch
Anschauung: So etwa, was ein Held ist, wie Frauen sich zu verhalten
haben, wie das Verhältnis von Herr und Knecht zu sein hat, wie
überhaupt Menschen miteinander umzugehen haben.
Zu dieser Kunst des Umgangs mit Menschen ist noch
eine weitere Vorbemerkung nötig. Mein Hauptinteresse gilt dabei
dieser Sprechweise, die man als "mehrdeutige" oder "mehrwertige Rede"
bezeichnen kann. Ich möchte hier auf Raffinessen der Semiotik
verzichten; ein einfaches Beispiel wird klarmachen, was gemeint
ist.
Sage ich beim Essen "Gib mir bitte das Salz!", so
ist es durchaus denkbar, dass ich mit dieser Aufforderung keine
weiteren Absichten verfolge. Sie kann aber auch mehrwertig sein in
dem Sinn, dass ich damit - je nach Situation - auch zu verstehen
gebe:"Du weisst doch genau, dass ich so fade Rösti nicht mag!"
oder "Du bist jetzt alt genug, dich bei Tisch nicht nur bedienen zu
lassen!" oder "Reden wir nicht mehr davon!" oder "Mach doch nicht ein
solches Gesicht!", usw. Es ist sogar denkbar, dass ein geschickter
Sprecher mehrere solche Zusatzbedeutungen eines Satzes kombiniert.
Diese mehrdeutige Sprechweise ist Ausdruck einer
feinen Sprechkultur. In der Odyssee sind es zumeist die sozial
Höhergestellten, die sich ihrer bedienen. Manchmal tun sie dies,
weil sie nur so ihre Ziele erreichen können, manchmal auch nur,
weil sie höflich sein wollen. Die Fülle und Feinheit
psychologischer Beobachtung zeigt uns, dass die alte Dichtung doch
nicht so weit von uns entfernt ist, wie man bei der enormen
zeitlichen Distanz meinen könnte.
Ein besonders eindrückliches und zudem
amüsantes Beispiel für diese Technik gibt uns Odysseus
selbst im 14. Gesang. Unerkannt, als angeblicher Schiffbrüchiger
aus Kreta (der späteren Heimat der Lügner) hat er bei
seinem getreuen Diener, dem Schweinezüchter Eumaios, gastliche
Aufnahme gefunden. Nach dem Essen hat man sich zum Schlafen
niedergelegt. Es ist finster, man sieht den Mond nicht, es regnet
ununterbrochen bei Westwindwetter. Odysseus friert; er überlegt
sich, wie er wohl zu einem wärmenden Mantel kommt. Soweit die
Angaben Homers; anderes kann man aus dem, was folgt, als
Überlegung des Odysseus ergänzen: Er weiss, dass er bei
einfachen Leuten zu Gast ist, man sieht keine überzähligen
Mäntel herumliegen - da müsste ja einer seinen eigenen
Mantel hergeben, um ihn Odysseus zu leihen. Mit einer schlichten
Bitte lässt sich das kaum erreichen, denn die andern frieren ja
auch. So erzählt denn Odysseus, der Pseudo-Kreter, eine seiner
Lügengeschichten (462ff.).
Der Anfang ist allerdings seltsam:"Höre mich,
Eumaios, und alle ihr anderen Gefährten! Laut will ich ein Wort
sagen. Der Wein nämlich treibt mich, der verwirrende, der auch
den sehr Verständigen singen heisst, ihn lieblich lachen und
tanzen lässt und ein Wort loslässt, das doch besser
ungesagt bliebe." - Wozu das? Odysseus ist gewiss nicht betrunken,
ist vielmehr in vollem Besitz seines klaren Verstandes, wie die
Anlage der Rede zeigt. Er hat aber einberechnet, dass der, welcher
nochmals zu reden anfängt, wenn alles sich zum Schlaf
niedergelegt hat, sich keineswegs beliebt macht. Die angebliche
Trunkenheit soll ihm die Narrenfreiheit geben, dass man ihn als
schrulligen Alten reden lässt und ihm nicht ungeduldig
übers Maul fährt. Und den eigentlichen Anlass seines
Redens, dass er einen Mantel braucht, will er ja jetzt noch nicht
nennen. "Aber da ich nun schon Lärm gemacht habe", so fährt
er fort, "werde ich es nicht verbergen" (467). Eine Rede, die nichts
verbirgt, eine ehrliche und wahre Rede also, kündigt er an. Und
gleich beginnt er munter zu flunkern: "Wäre ich doch so jung,
und wäre mir die Kraft geblieben, wie damals, als wir vor Troja
einen Hinterhalt legten und befehligten! Es führten Odysseus und
der Atride Menelaos, und zusammen mit diesen als dritter führte
ich - sie selbst nämlich hatten es so befohlen." (468ff.). Das
lässt zunächst eine der üblichen Geschichten vom Krieg
erwarten, wie sie alte Leute gern erzählen. Zugleich aber macht
der Pseudo-Kreter deutlich:"Ich bin nicht niemand: ich stand mit den
Besten auf gleicher Stufe" (als Sohn eines reichen Mannes hatte er
sich schon bei der ersten Begegnung mit Eumaios [200]
vorgestellt). Kalt war es, so fährt er fort, Eiskristalle
bildeten sich auf den Schilden. Die anderen hatten alle Leibrock und
Mantel an und schliefen ruhig, nur er trug einzig einen
Hüftschurz und hatte nicht gedacht, dass es so kalt werden
könnte. "Da sagte ich zu Odysseus - er lag dicht bei mir, und
ich stiess ihn an mit dem Ellenbogen, der aber hörte
augenblicklich - : 'Zeusentsprosster Laërtes-Sohn, listenreicher
Odysseus! Nicht länger werde ich unter den Lebenden sein,
sondern die Kälte überwältigt mich, denn ich habe
keinen Mantel. Ein Daimon verleitete mich, nur mit dem Leibrock zu
gehen, und jetzt ist es nicht mehr auszuhalten.'" (483ff.). Das
Stupfen mit dem Ellbogen - "der aber hörte augenblicklich" -
macht nochmals deutlich, dass der Pseudo-Kreter ein bedeutender Mann
war, denn auch damals konnte ein Gemeiner einen Heerführer nicht
einfach so stupfen, wenn ihn fror. Nun flüstert der Odysseus der
Geschichte: "Schweig nun, damit dich kein anderer der Achaier
hört!" (493) Und bald darauf: "Hört, Freunde! Ein
göttlicher Traum ist mir im Schlaf gekommen. Allzuweit haben wir
uns nämlich von den Schiffen entfernt. Aber es soll einer gehen,
um dem Atriden Agamemnon, dem Hirten der Völker, zu sagen, ob er
nicht Mehreren befehle, dass sie von den Schiffen kommen! " Sofort
steht einer auf und läuft fort - natürlich ohne den Mantel,
der ihm beim Laufen nur hinderlich wäre. Und so schliesst der
Kreter-Odysseus seine Geschichte ab: "Ich aber lag in seinen
Kleidern, vergnügt, und es erschien die goldthronende Eos"
(501f.). Mit dieser Geschichte hat er Eumaios gezeigt:"Schau mal, so
wie Odysseus muss man das machen, wenn man jemandem einen Mantel
verschaffen will, ohne selbst frieren zu müssen".
Aber er ist noch nicht fertig mit seiner Rede -
wer weiss denn schon bei diesen einfachen Leuten, ob die Geschichte
allein schon deutlich genug war! So fährt er fort: "Wäre
ich doch jetzt noch so jung und die Kraft wäre mir geblieben!"
Nichts Auffälliges, dass alte Leute diese Klage wiederholen -
doch hier bekommt sie einen anderen Sinn, wie die Fortsetzung zeigt:
"Dann gäbe mir wohl einer der Schweinezüchter seinen
Mantel, wegen beidem: aus Freundlichkeit und auch aus Ehrfurcht vor
einem guten Mann. Jetzt aber ehren sie mich nicht, da ich schlechte
Kleider am Leib habe" (503ff.). So hat das "Wäre ich doch noch
jung!" eine neue Bedeutung bekommen. Und zugleich liegt in den Worten
der Vorwurf: "Ihr seid ja schon schlechte Kerle, dass ihr mich
einfach so frieren lässt, nur weil ich ein alter Bettler
bin!".
Die Reaktion des Eumaios zeigt, dass die feine
Kunst des Umgangs mit Menschen nicht ausschliesslich Privileg der
Adligen ist. Der Schweinezüchter hat in seiner feinen
Menschlichkeit sehr wohl erkannt, was der Fremde will, und er gibt
ihm dies mit einer kurzen, aber durchaus auch mehrwertigen Rede zu
verstehen: "Alter! Einen tadellosen 'ainos' hast du mir da
erzählt" (508). Ein 'ainos' ist eine Geschichte mit implizierter
Nutzanwendung [West zu Hes.Op.202; vgl. auch Hoekstra ad
loc.]; später hat das Wort oft die Bedeutung "Fabel". Indem
Eumaios die Geschichte des Odysseus mit diesem Wort bezeichnet, gibt
er ihm diskret zu verstehen:"Ich habe sehr wohl verstanden, was du
willst". Und er gibt ihm, was er braucht: Er richtet ihm näher
beim Feuer ein Lager und leiht ihm für diese Nacht einen der
Ersatzmäntel, die herumliegen - es regnet ja noch immer, und am
nächsten Morgen brauchen alle trockene Gewänder.
* * *
Will man die Odyssee als Lehrgedicht "Über
den Umgang mit Menschen" verstehen, so bieten die ersten Gesänge
dafür reichliches Material, wird doch hier, wie man schon lange
gesehen hat, in einer Art Fürstenspiegel die Erziehung des
jungen Telemachos geschildert.
Im ersten Gesang teilt Athene Zeus mit, sie gehe
nach Ithaka zum Sohn des Odysseus, damit ich ihm seinen Sohn mehr
antreibe und ihm 'menos' in den Sinn lege (88f.). ('menos
bedeutet etwa "innere Energie, Tatkraft"). Wie will sie dies
bewerkstelligen? Sie könnte, als Göttin, Telemachos durch
unmittelbares Eingreifen dazu bringen, sich energischer um seine
Angelegenheiten zu kümmern. So tut sie dies auch im 15. Gesang,
wo es gilt, Telemachos wieder von Sparta zurück nach Ithaka zu
holen: "Telemach! Es ziemt sich nicht mehr, weit entfernt von zuhause
umherzuziehen, nachdem du deinen Besitz und die so hochmütigen
Männer in deinen Häusern zurückgelassen hast
"(15,10ff.; vgl. auch 24,530ff.). So also ihr Vorgehen im 15. Gesang,
wo der junge Telemachos schon gezeigt hat, dass er willens ist,
seiner Rolle als Sohn des Odysseus gerecht zu werden. Im ersten
Gesang jedoch ist die Verfassung des jungen Mannes noch anders, und
Athene geht als gute Psychologin auch anders vor, um ihm 'menos' in
den Sinn zulegen.
Sie kommt in der Gestalt des Mentes, eines alten
Gastfreundes der Familie. Im Lauf des Gesprächs fragt sie ihn:
"Sage mir dies und berichte es mir genau, ob du wirklich, so gross,
ein Sohn des Odysseus bist! Gar sehr gleichst du nämlich an
Haupt und schönen Augen jenem."(206ff.). Warum fragt sie ihn
das, wenn sie doch, als Göttin, sehr wohl weiss, wen sie vor
sich hat? Man kann die Frage als Vorwurf verstehen:"So alt bist du,
und ein Sohn des Odysseus, aber du benimmst dich, als wärst du
ein kleiner Bub von irgendwem!" Seltsam ist auch die Antwort des
Telemachos: "Die Mutter sagt zwar, dass ich sein Sohn sei, aber ich
weiss es nicht. Hat doch keiner je seine Abkunft gekannt! Wäre
ich doch der Sohn eines glücklichen Mannes, den auf seinen
Gütern ein hohes Alter erreichte! Doch jetzt ist es der
unglücklichste der sterblichen Menschen, von dem ich, wie sie
sagen, abstamme - da du mich danach fragst! " (215ff.). Er ist
wahrhaftig seiner Rolle als Sohn des Odysseus noch fern, muss erst
noch werden, wer er ist.
Eben dazu will Athene ihm verhelfen. Zunächst
kommentiert sie: "Gewiss haben die Götter dein Geschlecht nicht
namenlos gemacht, da dich Penelope als einen solchen geboren hat."
(222f.). Das heisst nochmals: "Du bist nicht niemand, und das ist
auch eine Verpflichtung". Darauf kommt nochmals eine Frage, deren
Antwort die Göttin schon kennt: Was denn das für ein Fest
sei im Saal, etwa eine Hochzeit? Jedenfalls sei dies kein
'éranos', kein Fest, bei dem die Teilnehmer ihren
Anteil mitbringen, "so über alle Massen zuchtlos scheinen sie
mir überall im Haus zu schmausen. Da würde wohl ein Mann
zürnen, der verständig wäre und dazukäme, wenn er
die vielen Schandtaten sähe" Einer, der dazukäme, ein
Fremder also, würde zürnen, wenn er dies sähe. Umso
weniger ist Telemachos zu den Verständigen zu zählen, wenn
er diesem Treiben in seinem eigenen Haus tatenlos zusieht. Diesen
Vorwurf macht sie ihm, ohne ihn auszusprechen. Zudem zwingen ihn ihre
Fragen, dass er - man muss es so modern sagen - seine Situation
selbst formuliert, damit sie ihm selbst klar wird; eine andere
Begründung ist für diese seltsamen Fragen kaum
denkbar.
In seiner Antwort ist Telemachos noch weit
entfernt von dem, was Athene möchte: Nach dem Willen der
Götter sei sein Vater in der Fremde gestorben. Er wünscht
sich nicht, wie der Leser erwarten würde, dass der Vater
zurückkäme und er, der Sohn, sich zusammen mit dem Vater
Ruhm erwerben könnte. Nein: er wünscht sich, dass der Vater
nicht irgendwo ertrunken, sondern bei Troia gefallen wäre; "da
hätten ihm die All-Achaier einen Grabhügel errichtet, und
auch für seinen Sohn hätte er für nachher grossen Ruhm
erworben. " (239f.). Er rechnet gar nicht mehr mit der
Möglichkeit, dass der Vater noch leben könnte, obwohl ihm
Athene-Mentes dies gemeldet hatte, und er wünscht sich nur, dass
der Vater für ihn Ruhm erwerbe. Da verliert Athene, die
Erzieherin, die Geduld. Aufgebracht fährt sie ihn an: "Oh weh!
Wirklich sehr brauchst du Odysseus, der fortgegangen ist, dass er auf
die schamlosen Freier seine Hände lege!...Alle hätten einen
schnellen Tod und eine bittere Hochzeit...Ich befehle dir, dass du
dir überlegst, wie du die Freier aus dem Haus
vertreibst...Hörst du nicht, welchen Ruhm der göttliche
Orestes erworben hat bei allen Menschen, nachdem er den Mörder
des Vaters getötet, den listigen Aigisthos, welcher ihm seinen
berühmten Vater getötet hat? " (253ff.) - Doch damit ist
diese Szene noch nicht zuende erzählt: nachzutragen ist noch,
was sie bei dem Jungen bewirkt hat. Penelope wünscht, der
Sänger Phemios möge von anderem als vom schlimmen Schicksal
der Griechen bei Troia singen. Telemachos widerspricht: Das ist nicht
die Schuld des Sängers, sondern die des Zeus. Ertrage es nur,
davon zu hören, schliesslich ist Odysseus nicht der einzige, der
bei Troia umgekommen ist! "Aber gehe ins Haus und besorge deine
eigenen Werke: Webstuhl und Spindel, und befiehl den Dienerinnen,
dass sie ans Werk gehen! Das Wort wird Sache der Männer sein,
aller, am meisten die meine; denn mir ist die Gewalt im Hause!
"(356ff.). Das ist, möchte man sagen, reichlich pubertär,
zeigt aber auch, dass der Junge selbständig wird. Sie aber
staunte und ging wieder ins Haus.
Als nächste bekommen die Freier seinen
Tatendrang zu spüren. Er kündigt ihnen für den
nächsten Tag eine Versammlung an, an der er sie auffordern wird,
nach Hause zu gehen. Wenn sie dies nicht täten, so werde er die
ewigen Götter als Rächer aufrufen. "Dann werdet ihr wohl,
ohne dass wir dafür büssen müssen, im Haus drin
zugrundegehen! "(380). Das sind mutige Worte. Die Freier gruben alle
die Zähne in die Lippen und staunten. Der Freier Alkinoos aber
antwortet ihm: "Telemachos! Dich lehren gewiss die Götter
selber, grosse Worte zu machen und kühn zu reden! Dass dich der
Kronos-Sohn nur nicht auf dem meerumgebenen Ithaka zum König
mache, was du nach der Herkunft vom Vater her bist! " (384ff.). Kein
Wort zur Forderung des Telemachos, sie sollten nach Hause gehen. Der
Hintersinn für dieses Ignorieren lässt sich umschreiben
mit:"Was ist auch plötzlich mit dir los? Willst du etwa noch
frech werden?" - Der Junge, so sieht man, wird es nicht leicht
haben.
Wie hat Athene ihn dazu gebracht, dass er seine
Lethargie abschüttelte? Sie, die unter allen Göttern
für ihre Klugheit berühmt ist (13,298f.), wusste genau,
dass in einem solchen Fall ein blosses Donnerwetter wenig hilft, und
sie hat so lang wie möglich in mehrdeutiger Rede zu ihm
gesprochen. So ist er, wenn auch langsam, selbst darauf gekommen, in
welcher Lage er ist und was zu tun ist. - Die Götter
können, es war schon davon die Rede, energisch dreinfahren, sie
können die Menschen auch verachten wie Hephaistos im ersten
Gesang der Ilias, der es unerträglich findet, dass die
Götter sich durch einen Streit wegen der Sterblichen die Freude
am Essen vergällen lassen (Il. 1,573ff.). Sie können aber
auch, wie hier Athene, die Sterblichen als Partner ernstnehmen. Das
erinnert an die schöne Szene im 13. Gesang, wo Athene sich mit
Odysseus zusammen in den Schatten eines Ölbaums setzt, um
gemeinsam mit ihm die Ermordung der Freier zu planen (372f.).
* * *
Wie geht man am besten vor, wenn man einen
unangenehmen Befehl zu überbringen hat? Von Hermes, dem
Götterboten, kann man hier gewiss etwas lernen, und da die
Götter so menschlich sind, ist auch dies ein Beitrag zum Thema
"Über den Umgang mit Menschen".
Hermes muss im 5. Gesang zu Kalypso, um ihr in
Zeus' Namen zu befehlen, ihren Geliebten Odysseus nach hause zu
entlassen. Wir setzen bei den Worten ein, mit denen die Nymphe Hermes
begrüsst: "'Warum bist du, Hermes mit dem goldenen Stab, zu mir
gekommen, Ehrwürdiger und Lieber? Zuvor bist du nicht
häufig gekommen. Sag mir, was du im Sinn hast! Mein Herz
befiehlt, es zu erfüllen, wenn ich es wirklich erfüllen
kann und es zu erfüllen ist.' So sprach die Göttin und
stellte zu ihm einen Tisch voll Ambrosia und mischte roten Nektar.
Aber der trank und ass, der Geleiter und Argostöter". (87ff.).
Warum antwortet er ihr nicht? Weiss er denn nicht, was sich
gehört? Im Gegenteil: sie ist es, die sich nicht dem Comment
entsprechend benimmt, hat sie ihn doch in der Aufregung gleich mit
ihrer Frage überfallen, ohne ihn zunächst essen zu lassen.
Es gilt aber die eherne Regel, einen Angekommenen zunächst zu
bewirten, ehe man ihn befragt - ja, man fragt, wenn er ein Fremder
ist, zunächst nicht einmal nach Name und Herkunft. "Jetzt ist es
doch besser, die Fremden zu fragen, wer sie sind, nachdem sie sich am
Essen erfreut haben" sagt einmal einer, der es wissen muss, der
greise Nestor (3,69f.; vgl. 1,23f.; 4,60ff.; 7,234ff.; 16,54ff.). Das
Schweigen des Hermes ist also beredt; es heisst:"Weisst du denn
nicht, was sich gehört?". Dann, nach dem Essen, setzt er
wortreich ein (97ff.): "Du fragst mich, der ich komme, die
Göttin den Gott. Und so will ich dir genau das Wort
verkünden, denn du verlangst es. Eine etwas umständliche
Einleitung mit der Bedeutung:"Du hast ja selber gesagt, ich soll
reden, also brauchst du mich nachher nicht zu beschimpfen." Dann
fährt er fort: "Zeus hat mir befohlen, hierher zu kommen, ich
wollte es nicht. Wer liefe denn freiwillig durch das so grosse
salzige Wasser, das unsägliche? Und es ist keine Stadt von
Sterblichen in der Nähe, welche den Göttern Opfer und
auserlesene Hekatomben darbringen. Aber es ist auf gar keine Weise
möglich, dass ein anderer Gott den Sinn des Zeus, des
Aigishalters, umgehe oder zunichte mache." Dreifacher Nebensinn: 1.
"Ich bin nur gezwungen hier, mich persönlich trifft keine
Schuld"; 2. "Du verstehst wohl, weshalb ich zuerst einmal essen
wollte"; 3. "Pass auf, mit Zeus ist nicht zu spassen!" Und dann erst,
nach diesem Vorspann von acht Versen, kommt die Antwort auf ihre
Frage: "Er sagt, bei dir sei ein Mann, jammervoller als alle anderen
Männer, die um die Stadt des Priamos gekämpft haben"...
diesen solle sie zurückschicken in seine Heimat.
Hermes hat die Wirkung seiner Worte gut berechnet:
Kalypso erschaudert zwar und beschimpft die Götter
(einschliesslich Hermes), dass sie den Göttinnen stets ihre
sterblichen Geliebten missgönnten, aber sie sichert zu, sie
werde Odysseus ziehen lassen. Der unangenehme Befehl ist
überbracht und der persönliche Schaden für Hermes
liess sich, dank geschicktem Vorgehen, in erträglichen Grenzen
halten.
* * *
Verweilen wir noch etwas in der Sphäre der
Götter! Wenn ein Gremium in Abwesenheit eines Mitglieds etwas
beschliesst, was dieses masslos erzürnt, dann ist der Vorsteher
in einer ungemütlichen Lage, wenn er nachher für diesen
Beschluss geradestehen muss. So ergeht es Zeus, nachdem Poseidon
erfahren hat, dass Odysseus trotz seinen Drohungen mit Hilfe der
Phäaken nach Ithaka gelangt ist - gemäss einem Beschluss,
den die Götter während seiner Abwesenheit gefasst hatten.
(Diese Szene im 13. Gesang ist auch ein schönes Beispiel
dafür, wie der griechische Polytheismus mit seinem labilen
Gleichgewicht der Kräfte funktionierte.).
Poseidon beginnt:"Vater Zeus! Nun werde ich unter
den unsterblichen Göttern nicht mehr geehrt sein, wenn die
Sterblichen mich gar nicht ehren, die Phäaken, die doch aus
meinem Geschlecht sind! Denn jetzt hatte ich gesagt, Odysseus werde
nach hause gelangen, nachdem er viele Leiden erlitten - die Heimkehr
wollte ich ihm niemals ganz wegnehmen, da du sie einmal versprochen
und zugesagt hast -: die aber haben ihn schlafend im schnellen Schiff
über das Meer gebracht und auf Ithaka abgesetzt, und sie haben
ihm herrliche Geschenke gegeben: Erz, genug Gold und gewobene
Kleidung, Vieles, wieviel Odysseus nie von Troia mitgenommen
hätte, auch wenn er unversehrt gekommen wäre, mit dem
erlosten Anteil der Beute. " (128ff.). Was also Poseidon ärgert
ist nicht die Heimkehr als solche, sondern die Tatsache, dass
Odysseus jetzt schlussendlich reicher ist, als wenn er unversehrt
heimgekommen wäre. Der Zorn des Poseidon hat Odysseus also summa
summarum nichts geschadet, und dies ist dem Prestige des Gottes
natürlich sehr abträglich. - Wie bringt er seine Klage vor?
Indem er seinen Bruder mit Vater Zeus anredet. "Vater" ist in alten
Zeiten ein Machttitel. Mit dieser Anrede macht Poseidon deutlich:"Ich
gedenke nicht, deine Autorität in Frage zu stellen", und dies
will er gleich am Anfang klarmachen, damit ihm Zeus möglichst
ohne Unwillen zuhört. Seine Loyalität bestätigt er
auch mit die Heimkehr wollte ich ihm nie ganz wegnehmen, da du sie
einmal versprochen und zugesagt hast. Zugleich bedeuten diese
Worte:"Ich habe in dieser Sache schon einmal zurückstecken
müssen. Nun ist es an euch, Konzessionen zu machen."
In seiner Antwort beginnt auch Zeus mit einer
mehrwertigen Anrede: "Oh weh, Erderschütterer, weithin
Mächtiger, was hast du da gesagt!" (140). Die Kombination zweier
Attribute, welche die Macht betonen, macht deutlich: "Was willst du
dich denn beklagen, ein so mächtiger Gott!" Er fährt fort:
"Gar nicht gering achten die Götter deine Ehre. Schwierig
wäre es, den Ältesten und Besten zu beleidigen! Wenn aber
von den Menschen einer, seiner Kraft und Stärke nachgebend, dich
gar nicht ehrt, so kannst du dich nachher immer rächen. Tu, wie
du willst, und wie es deinem Herzen lieb ist!" Innerhalb eines klar
abgesteckten Kompetenzbereichs erhält also Poseidon, wie wir
heute sagen würden, grünes Licht. Er unterrichtet Zeus von
seiner Absicht: er will das sehr schöne Schiff der Phäaken
bei seiner Rückkehr zerschmettern auf dem nebligen Meer (...)
und ein grosses Gebirge rings um die Stadt zu ziehen (150ff.).
Zeus ist damit, wie eine genaue Analyse seiner
Antwort zeigt, nicht ganz einverstanden, kann sich aber nach der eben
gemachten Zusage unmöglich offen Poseidon widersetzen. Er findet
einen Trick, der auch in späteren Zeiten beliebt sein wird. Er
beginnt: "Mein Lieber! So scheint es in meinem Herzen das Beste. Die
Anrede " 0 pépon" für "Mein Lieber" ist sehr
freundschaftlich, fast zärtlich. Das "So scheint es mir richtig"
bezieht man natürlich zunächst auf Poseidons Absichten. Man
kann es aber auch auf die folgenden Worte des Zeus beziehen, die den
Plänen des Poseidon nicht genau entsprechen: "Wenn alle
Männer des Volks von der Stadt aus sehen, wie das Schiff
herankommt, es nahe beim Land zu Stein zu machen, einem schnellen
Schiff gleichend, sodass alle Menschen staunen, und ein grosses
Gebirge rings um die Stadt zu ziehen" (154ff.). Also: einverstanden
mit dem Gebirge, das die Stadt umschliessen soll, aber das Schiff
soll nicht zerschmettert, sondern als Naturdenkmal erhalten bleiben.
Der Trick des Zeus bestand darin, dass er den Antrag seines
Kontrahenten scheinbar zustimmend, tatsächlich aber leicht
abgeändert wiederholte; die emphatische Zustimmung am Anfang
(Mein Lieber...) half mit, die Differenz zu vertuschen. - Poseidon
ist zufrieden, und alles geschieht so, wie Zeus es gewollt hat. Dank
dem diplomatischen Geschick der beiden ist es nicht zum Eclat
gekommen. Die Spesen freilich zahlen - wieder einmal - die
Sterblichen.
* * *
Noch peinlicher als die Lage des Zeus ist die des
Odysseus im 7. Gesang, wozu etwas weiter ausgeholt werden muss. Er
wurde vom Sturm nackt an die Küste der Phäaken geworfen.
Nausikaa, die Tochter des Königs Alkinoos, hat ihn dort
getroffen, als sie Kleider ihrer Aussteuer wusch. Etwas davon hat sie
ihm gegeben - wir werden noch sehen, wie dies vor sich gegangen ist -
und ihn angewiesen, wie er bei den Phäaken Aufnahme finden wird:
Er solle in den Palast ihres Vaters Alkinoos gehen und dort ihre
Mutter Arete um Asyl bitten. (Die Auffällige Tatsache, dass er
ausgerechnet die Frau des Königs um Asyl bitten soll, ist
übrigens für den Briten Samuel Butler eines der Argumente
dafür gewesen, dass eine Frau die Odyssee geschrieben hat [
The Authoress of the Odyssey, London 1897], und zwar keine
geringere als Nausikaa selbst, die in Trapani lebte. Doch zurück
zum Thema!). Odysseus befolgt diese Anweisung, kommt (zunächst
in einen Nebel gehüllt) in den Palast des Alkinoos und spricht
zu Arete:"'Arete, Tochter des gottgleichen Rexenor! Zu deinem Gatten
und zu deinen Knien komme ich, nachdem ich vieles ausgestanden, und
zu deinen Tischgenossen, denen die Götter Segen geben
mögen. (...) Gebt mir ein Geleit, damit ich ins Vaterland
gelange, eilends, da ich schon lange fern der Meinen Leiden leide.'
So sprach er, und er setzte sich neben dem Feuer auf die Feuerstelle
in die Asche. Alle verstummten in Schweigen. Spät erst sprach
der greise Heros Echeneos, welcher der älteste der Männer
der Phäaken war (...)" (146ff.). Die Reaktion auf die Rede des
Odysseus ist also langes Schweigen, und schliesslich ergreift weder
die angesprochene Königin noch der König das Wort, sondern
der Älteste der Phäaken. Warum dies alles? Die Stille
lässt sich dadurch erklären, dass grosse Verwirrung
herrscht. Niemand hat gesehen, wie der Fremde, der ja in einen Nebel
gehüllt war, hereingekommen ist. Niemand weiss, wer er ist und
woher er kommt. Dass aber weder die Königin noch der König
antworten, bleibt zunächst seltsam.
Der Alte schlägt nun vor, man solle den
Fremden doch zu Tische bitten, was dann auch geschieht. Odysseus isst
und trinkt. Währenddessen ergreift wieder jemand das Wort - noch
immer nicht Arete, die angesprochen war, sondern der König, und
dieser spricht nicht zum seltsamen Gast, sondern zu den versammelten
Edlen:"Geht jetzt schlafen, morgen wollen wir dem Fremden ein Geleit
besorgen, auch wenn er weitab wohnt. Vielleicht ist er auch einer der
Unsterblichen - es wäre nicht das erste Mal, dass einer von
ihnen zu uns kommt." Die Rede betont in auffälliger Weise, dass
man nicht weiss, woher der Fremde kommt und wer er ist. Sie richtet
sich nur vordergründig an die Edlen, eigentlich aber an den
(immer noch essenden) Odysseus, im Sinne einer Aufforderung, er solle
doch wenigstens sagen, wohin er wolle.
Für Odysseus ist die Lage nicht
ungefährlich. Vor allem muss er jetzt verhüten, dass man
ihn für einen Gott hält. Verehrung ist das Letzte, was er
jetzt brauchen könnte - er braucht Handgreifliches: Essen,
Kleidung, ein Schiff. Um dies zu verhüten (und auch, weil er
sehr wohl gemerkt hat, dass Alkinoos im Grunde nicht die Hofleute,
sondern ihn angesprochen hat), ergreift er nun das Wort:"Alkinoos!
Kümmere dich um etwas anderes in deinem Sinn! Denn ich gleiche
nicht den Unsterblichen, die den weiten Himmel innehaben, weder an
Gestalt noch an Wuchs, sondern sterblichen Menschen. "(207ff.) Das
heisst: "Schau mich doch nur genau an! Sehen die Götter etwa so
aus?" Er fährt fort: "Denen möchte ich mich wohl an
Schmerzen vergleichen, von denen ihr wisst, dass sie am meisten
Jammer haben unter den Menschen. Und ich könnte überdies
noch mehr Übel nennen, soviele ich insgesamt gelitten habe nach
der Götter Willen." Damit ist der Uebergang vollzogen von seinem
Aussehen zum Appell an das Mitleid. Auffällig ist nun die
Fortsetzung: "Aber lasst mich essen, wenn ich auch grosse Sorgen
habe!" Damit erinnert er den König an die alte, uns bekannte
Anstandsregel, dass man einen Gast zunächst einmal essen
lässt, bevor man ihn ausfragt - eine Regel, die Alkinoos zwar
der Form nach respektiert hat. Aber er hat doch mit seinen Worten an
die Edlen seine Ungeduld zu offen gezeigt, was ihm nun Odysseus
vorwirft.
Hat sich der Bettler da nicht zu weit vorgewagt?
Er begründet seine Aufforderung, man solle ihn in Ruhe essen
lassen, mit den Worten: "Denn es gibt nichts Hündischeres ausser
dem bösen Magen, der befiehlt, dass man seiner notgedrungen
gedenke, auch wenn man noch so sehr erschöpft ist und Jammer im
Herzen hat." Darauf bringt er nochmals seine Bitte um Geleit vor.
Hier hat der Listenreiche ein weiteres Mal mehrwertig gesprochen: Er
entschuldigt sein Verhalten, die drastische Schilderung seines
Hungers appelliert nochmals an das Mitleid und macht zudem deutlich,
dass er kein Gott ist. - Nach dem Essen gehen die Edlen, welche die
Worte des Odysseus beifällig aufgenommen haben, zu
Bett.
Nun ist man unter sich: Odysseus, Alkinoos, Arete.
Nun erst beginnt die Königin zu reden, denn sie erkannte Mantel
und Leibrock, als sie sie sah, die schönen Gewänder, die
sie selbst mit den dienenden Frauen gefertigt hatte. Und sie begann
und sprach zu ihm die geflügelten Worte:"Fremder! Zuerst will
ich selber dieses fragen! Wer bist du und woher unter den
Männern? Wer hat dir diese Kleider gegeben? Sagtest du nicht, du
seist als ein Umgetriebener über das Meer hierhergekommen?"
(234ff.) Drei Fragen: die klassische nach der Herkunft, nach den
Kleidern, nach seinem unmittelbaren Woher. Warum sagt sie dies erst
jetzt, fast 100 Verse, nachdem der Fremde sie angesprochen hatte? -
Es war nicht nur der Anstand, der sie zögern liess: die Frage
nach den Kleidern ist auch ausgesprochen peinlich. Man denke sich
noch heute in einem abgelegenen Dorf in der Peloponnes oder auf einer
Insel die Situation, dass ein leicht gealterter Tramper oder
Landstreicher plötzlich im Haus des vornehmsten Mannes
auftaucht, angetan mit Kleidern, die offensichtlich zur Aussteuer der
wohlbehütetn Tochter gehören! Das lässt nur zwei
Erklärungen zu: Entweder ist er ein Kleiderdieb, oder er hat mit
der Tochter angebändelt, und beides ist ein Skandal. Danach
fragt man lieber erst, wenn man unter sich ist.
Was soll Odysseus nun sagen? Jeder von uns
hätte wohl gesagt:"Bitte keine Missverständnisse - ich bin
der grosse Odysseus, dessen Taten vor Troia man kennt." Ganz anders
Odysseus. Er geht zunächst auf die zuletzt gestellte Frage
ein:"Schwer ist es, ausführlich zu berichten, denn die
Götter haben mir viele Kümmernisse gegeben" (Appell an das
Mitleid). Es folgt die Schilderung des Sturms, der Landung bei
Kalypso auf Ogygia, der letzten Station vor dem Phäakenlande.
Nun ist freilich ein siebenjähriger Aufenthalt bei der Nymphe
mit den schöngedrehten Locken (Marinatos, Arch. Hom. B 2) in der
gegenwärtigen Lage - mit den Kleidern, die der Tochter des
Hauses gehören, am Leibe - keine Empfehlung. Deshalb
erzählt Odysseus diesen Aufenthalt als eine Art Verbannung;
sogar das Angebot, ihn unsterblich zu machen, habe er abgelehnt
(256ff.). Damit macht er klar, wie sehr es ihm ernst ist mit der
Heimkehr, und auch: dass er kein Frauenheld ist. Nach einer
nochmaligen Schilderung seiner Leiden berichtet er von seiner
Landung. Nun muss er erzählen, wie er zu seinen Kleidern
gekommen ist - und zwar so, dass er weder sich noch das Mädchen
kompromittiert. "Da bemerkte ich am Ufer die Dienerinnen deiner
Tochter, die spielten, und unter ihnen war sie selbst, Göttinnen
gleichend. Diese flehte ich an. Sie aber verfehlte den edlen Sinn in
keiner Weise, wie du es nicht erwarten würdest, dass ein
Jüngerer, der dir begegnet, handelte. Denn immer sind die jungen
Leute unverständig." (290ff.). Die Dummheiten, die
herangewachsenen Töchtern in den Sinn kommen können, sind
hinlänglich bekannt; Odysseus hat damit auf feine Art
klargemacht, dass er auf unbedenkliche Weise zu den Kleidern gekommen
ist. Er schliesst ab: "Damit habe ich Dir, wenn ich auch sehr
bekümmert bin, die Wahrheit erzählt" (297 ) , und
rühmt noch einmal Nausikaa. - Die Wahrheit hat er erzählt,
ja, aber nicht die ganze, denn die erste der drei Fragen ("Wer bist
du und woher unter den Männern?") ist unbeantwortet geblieben,
und damit entfällt die Antwort, die, wie es scheinen
möchte, am ehesten die Situation geklärt hätte.
Alkinoos nimmt nochmals das Wort:"Wenn doch, bei den Göttern,
ein solcher Mann, wie du es bist, meine Tochter heiraten wollte! Und
dann, noch direkter: Ich gäbe dir Haus und Besitz, wenn du aus
eigenen Stücken bleiben wolltest. Aber gegen deinen Willen wird
dich keiner der Phäaken zurückhalten (314ff.). Er
verspricht ihm für diesen Fall Schiff und Geleit für die
Fahrt in die Heimat, von der er nochmals betont, dass er nicht weiss,
wo sie liegt.
Wieder ist Odysseus in der unangenehmen Lage, dass
man es zu gut mit ihm meint. Wie die Verehrung als Gott, so ist auch
dieses Ehe-Angebot zuviel des Guten. Wie soll er auf dieses zwar
höfliche, aber doch deutliche Angebot reagieren, ohne den
Gastgeber (von dem ja sein Leben abhängt) zu verletzen? Das
Beste ist, wie so oft, dass man so tut, als ob man einen Teil des
Gesagten überhört hätte. Odysseus betet:"Vater Zeus!
Möge Alkinoos alles vollenden, was er gesagt hat! Er möge
unauslöschlichen Ruhm erhalten auf der nahrungsspendenden Erde,
ich aber in meine Heimat gelangen!" (331f.) So ist denn auch dies
glücklich abgebogen.
Verständlich, dass man vergessen hat, dass
Odysseus die Frage, wer und woher er sei, gar nicht beantwortet hat!
Auf die Frage, warum er der Antwort ausgewichen ist, gibt es zwei
Erklärungen, die beide gleich berechtigt sind. Zunächst ist
es eine Frage der dichterischen Ökonomie, dass die
Selbstoffenbarung des Odysseus hinausgezögert wird, um dann im
9. Buch (19ff.) umso grössere Wirkung zu erzielen. Das Verhalten
des Odysseus ist aber auch in seinem Charakter begründet. Er ist
eben so: nie gibt er auf Anhieb seinen Namen preis, von Grund auf,
wie Athene einmal bemerkt, sind ihm die diebischen Worte lieb
(13,295). Gelogen hat er freilich nicht am Hof der Phäaken; er
ist nur ein bisschen ausgewichen. Dass die Scheu, den Namen zu nennen
(die ihm ja einmal das Leben gerettet hat), geradezu eine Manie ist,
zeigt sich noch im 24. Gesang, also nach der Ermordung der Freier, wo
er seinem eigenen Vater aus alter Gewohnheit zunächst eine
Lügengeschichte auftischt, bevor er sich ihm zu erkennen
gibt.
* * *
Wie aber ist Odysseus zu diesen Kleidern gekommen?
Diese Szene, eine der beliebtesten des Epos. sei hier nun noch als
letzte kurz besprochen. Sie kann als Abschluss und in gewissem Sinn
auch als Höhepunkt dieser Betrachtungen über die Kunst des
Umgangs mit Menschen gesehen werden.
Am Ende des 5. Gesangs kommt Odysseus auf Scheria
an Land: "Geschwollen war er am ganzen Leib, und Meerwasser quoll ihm
viel durch den Mund und die Nasenlöcher" (455f.). Im 6. Gesang
kommt Nausikaa mit ihren Freundinnen an den Strand, wo er
schläft. Durch das Geschrei der Spielenden wird er geweckt und
tritt nackt aus dem Gehölz hervor. Alle stieben davon, nur
Nausikaa bleibt stehen. Nun muss er um sein Leben reden, denn wenn
auch diese davonrennt, ist er verloren. Die Lage ist nicht minder
gefährlich als damals in der Höhle des menschenfressenden
Kyklopen. Er überlegt sich, ob er ihre Knie umfassen und die
Jungfrau mit dem schönen Antlitz anflehen soll (141f.), doch
kommt diese überlieferte Geste des Schutzflehenden hier nicht in
Frage. Eine Begründung wird dafür nicht gegeben, weil sie
offenkundig ist: Er, nackt und salzverkrustet, kann diese
offensichtlich vornehme junge Dame nicht anfassen. Es bleibt eine
süsse und gewinnbringende Rede aus der Distanz
(149ff.):
"Bei deinen Knien flehe ich zu dir, Herrin!"
(Verbaler Ersatz für die Geste). "Bist du eine Göttin oder
eine Sterbliche?" Das heisst:"Bleib stehen, ich mache dir nichts!"
"Wenn du eine Göttin bist, wie sie den breiten Himmel innehaben:
der Artemis mag ich dich dann, der Tochter des grossen Zeus, an
Aussehen und Grösse und Wuchs am ehesten vergleichen. Artemis
ist die Unberührbare, dazu kommen noch Komplimente für ihre
Schönheit, insbesondere die Figur, um ihr Wohlwollen zu
gewinnen. Bist du aber eine der Sterblichen, die auf Erden wohnen:
dreimal selig dir dann Vater und hehre Mutter, und dreimal selig die
Brüder! Erwärmt sich ihnen doch wohl sehr der Mut immer im
Wohlgefallen um deinetwillen, wenn sie ein solches Reis zum Reigen
gehen sehen. Der aber ist der weitaus Seligste im Herzen, ausnehmend
vor den andern, der dich mit Brautgeschenken schwer aufwiegend zu
sich in sein Haus führt!" Welches Mädchen hätte damals
anderes im Kopf gehabt? Odysseus sieht ja auch die Wäsche, die
herumliegt und offensichtlich zu einer Aussteuer gehört.
Erotische Komplimente sind freilich gefährlich, sie können
leicht zu Missverständnissen führen. Deshalb beeilt er
sich, hinzuzufügen: "Heilige Scheu fasst mich, wenn ich dich
ansehe." Also wieder:" Nur keine Angst!" - "Ja, in Delos habe ich so
einst den jungen Wedel einer Palme wie einen Speerschaft (R.E.
Harder, Gy. 1988, 511f.) aufsteigen gesehen - auch dorthin
nämlich kam ich, und es folgte mir viel Volk auf dem dem Weg,
auf dem mir schlimme Leiden geschehen sollten." Das ist vierwertig
gesprochen. Erstens, vordergründig, ein Bericht von einem
Erlebnis auf Delos, zweitens (es folgte mir viel Volk) der Hinweis
darauf, dass der Sprecher eine Führungspersönlichkeit ist
(Sie erinnern sich an die Mantel-Geschichte am Anfang dieses
Vortrags), drittens "Ich bin ein weitgereister Mann", viertens (und
nicht zu verachten): die Erwähnung der Leiden zwecks Weckung
mütterlicher Gefühle. Und dann, nachdem er den Boden mit 30
Versen "süsser und gewinnbringender Rede" gelockert hat, kommt
er zur Sache: "Zeige mir die Stadt und gib mir einen Fetzen, ihn
umzuwerfen! (...) Und mögen dir die Götter alles geben, was
du begehrst in deinem Herzen: Mann und Haus, und mögen sie dazu
die rechte Eintracht geben. Denn es gibt nichts Kräftigeres und
Besseres als dieses: dass einträchtigen Sinns in den Gedanken
haushalten Mann und Frau - sehr zum Leide der Übelgesinnten, zur
Freude aber der Wohlgesinnten, und am meisten fühlen sie es
selber." (148-185). Der Segenswunsch ist wieder mehrwertig: Odysseus
zeigt, dass er sie versteht, dass er sie gernhat, ohne sie zu
begehren. Mit der abschliessenden allgemeinen Sentenz unterstreicht
er nochmals, dass er trotz seiner momentanen äusseren
Erscheinung nicht niemand ist, sondern ein kluger Mann.
Der Charme der Szene beruht auf der Meisterschaft,
mit der Odysseus hier damit spielt, dass er ein Mann und die
Angesprochene eine junge Frau ist. Insofern sind seine Worte
süss. Gewinnbringend sind sie ihm aber, weil er es auf
unnachahmliche Weise versteht, Nähe mit Distanz zu
verbinden.
* * *
Nun ist es Zeit, die vorgelegten Beispiele
nochmals kurz zu überblicken. Die Technik der mehrdeutigen Rede
wird fast ausschliesslich von sozial Höhergestellten angewandt.
Zweimal wendet sie Odysseus gegenüber Personen an, die nicht
seines Ranges sind. Das eine Mal, bei der Mantelgeschichte, gibt er
Eumaios nachher noch eine Verdeutlichung seiner Worte, um
sicherzustellen, dass er richtig verstanden wird - etwas, das er
sonst nicht tut. Das andere Mal, beim Kyklopen (ich habe diese Stelle
hier nicht besprochen) endet der Versuch mit einem Misserfolg.
Menschenfresser haben eben keinen Sinn für derlei Finessen. In
der Ilias, die ja in Vielem altertümlicher ist als die Odyssee,
findet man, soviel ich sehe, diese Redetechnik nicht, auch nicht bei
den schwierigen diplomatischen Verhandlungen mit dem grollenden
Achilleus im 9. Gesang.
Homers Dichtungen, man braucht es nicht eigens zu
betonen, gelten als Muster episch-breiten Erzählens; ihre
Anschaulichkeit ist immer wieder gerühmt worden. Oft vergisst
man aber, wie ausgesprochen sparsam in den homerischen Gedichten die
Menschen geschildert sind. Wir werden zwar mit vollen 18 Versen
über die Konstruktion von Odysseus' Floss ins Bild gesetzt
(5,247-261), aber ein halbwegs brauchbares Signalement liesse sich
von keiner Gestalt in Ilias und Odyssee geben. Wenn man im Kontrast
dazu etwas Gottfried Keller oder gar Thomas Mann liest, wird einem
diese Eigenart besonders deutlich. Wie einer ist, das wird bei Homer
vor allem dadurch deutlich, wie er handelt und spricht. ("Sprich,
damit ich dich sehe!" soll Sokrates einmal zu einem jungen Mann
gesagt haben, den man ihm als Schüler anvertrauen wollte).
Seltsamerweise fällt den meisten Lesern diese Sparsamkeit in der
Schilderung der Personen gar nicht auf. Offenbar enthält das
Epos eine ausreichende Anzahl von Informationen - in der Odyssee
insbesondere auch Informationen über Sprechweise und Charakter
der Gestalten - , die es dem Leser erlauben, sich selbst ein Bild
dieser Gestalten zu erschaffen.
Damit hängt möglicherweise auch die
erstaunliche unmittelbare Lebendigkeit zusammen, die dieses Epos
trotz seinen mehr als zweieinhalb Jahrtausenden an Alter immer wieder
auszustrahlen vermag. Weil wir selbst es sind, die wir aus dem
Material, das uns der Dichter zur Verfügung stellt, das Bild
dieser Gestalten zeichnen, kann dieses Bild auch nicht veralten. Es
wird vom Leser immer wieder neu geschaffen, ist immer zeitgleich mit
uns. "Sprich, damit ich dich sehe!" - auch dies ist ein Grund
dafür, dass wir in diesen Gedichten finden können, was der
junge Goethe gefunden hat. Es war schon davon die Rede:
"abgespiegelte Wahrheit einer uralten Gegenwart".
(Nachbemerkung: Praktisch
unveränderter Text eines Vortrags, den ich am 24.06.1988 vor der
Literarischen Vereinigung Winterthur gehalten habe.
Ich verdanke einer Interpretation des 6. Gesangs, die David
West 1977 in Perugia vorgetragen hat, einen entscheidenden Anstoss
[Homer in the University. Didactica Classica Gandensia 17-18,
1977/78, 108ff.]. Geschrieben habe ich diesen Vortrag in einem
Urlaubsquartal, praktisch nur mit dem Text in der Hand. Nachdem ich
mein Material gesammelt hatte, habe ich - mehr im Sinne einer
Anregung als durch Übernahme von Einzelheiten - von Siegfried
Besslichs feinfühligen Interpretationen in "Schweigen -
Verschweigen - Übergehen" [Die Darstellung des
Unausgesprochenen in der Odyssee, Heidelberg 1966] einigen Gewinn
gehabt. Si parva licet componere magnis: Im Jahr nach meinem
Vortrag ist das höchst anregende Odyssee-Buch von Uvo
Hölscher [Die Odyssee. Epos zwischen Märchen und Drama.
München 1989] erschienen, das auch viele Beobachtungen in
der Art der hier vorgelegten
enthält).
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